Durchbruch mit Rollhose

Die Aussichten waren rosig. Ab August würde ich kinderfreie Vormittage haben. Nora wäre als routinierte Zweitklässlerin in der Schule und Justus bis 14 Uhr 30 im Kindergarten. Er kam in die Stachelbeergruppe, wie einst seine Schwester, auch die Erzieherinnen waren noch die selben. Also im Grunde ein Heimspiel. Er kannte den Laden vom wöchentlichen Kinderturnen, und sein bester Freund Jonas fing zusammen mit ihm dort an. „Und, hast du schon Pläne, was du dann machen willst?“, fragte eine Freundin. Meine Pläne sahen folgendermaßen aus: Ich mache das, was ich bisher auch gemacht habe, nur mit mehr Ruhe.

Doch dann kam alles anders. Ich hatte nicht mehr, sondern weniger Zeit, da ich die Vormittage weitgehend im Kindergarten verbrachte. Als eine Art Pensionsgast nahm ich am Frühstück und am Mittagessen teil, denn nur so war Justus dazu zu bewegen, sich auch an den Tisch zu setzen. Ich war ein bisschen verzweifelt, als die Erzieherin meinte: „Es wird noch ein langer und steiniger Weg.“ Alle Mütter waren bereits vor Beginn des Morgenkreises hinauskomplementiert worden, nur ich saß immer noch dabei.

Freitags ist immer Spielzeugtag, dann dürfen alle etwas mitbringen, das im Morgenkreis entsprechend vorgeführt wird. Justus nimmt generell gerne etwas mit, sei es zum Einkaufen oder zum Kinderarzt. Säckeweise Autos oder auch mal der Deckel einer Spielzeugkiste müssen dann mit. Nur freitags in den Kindergarten wollte er partout nichts mitbringen, um dann sehr traurig zu sein, dass alle außer ihm etwas vorführen konnten. Auch wenn er sich im Grunde für all die Vorgänge in dieser neuen Welt interessierte, war seine Verweigerungshaltung Programm. Wenn ich ihn morgens mit vielen Tricks dazu brachte, mitzukommen, verkündete er im Schuhraum als erstes, dass er weder etwas essen, noch sich die Hände waschen wolle. Auch Turnen käme für ihn nicht in Frage. „Er macht viel über Beobachtung“, sagte die Erzieherin, „lassen wir ihm die Zeit“. Nach einer Schrei-Szene im Waschraum und einer Turnrunde auf mir während des Mittagessens, beschloss ich, dass die Zeit für mich im Kindergarten nun zu Ende ging und er den  Alltag dort ab jetzt ohne mich bewältigen müsse. Und tatsächlich machte er am Tag drauf beim Brotbacken mit, auch wenn er abstritt, dass es ihm irgendwelchen Spaß bereitet hätte. Und heute morgen brachte er anlässlich des Spielzeugtages zwei Hosen von sich mit, um im Morgenkreis vorzuführen, wie ordentlich er sie aufrollen und in einen Korb legen konnte. Ich glaube, das war der Durchbruch. Als ich ihn abholte, erzählte die Erzieherin, er habe sich heute an den Frühstückstisch gesetzt und etwas Milch getrunken.

Published in: on 2. September 2011 at 18:46  Kommentar verfassen  
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Von allen Müttern auf der Welt

„Mütter können sich kaum retten vor gesellschaftlicher Anerkennung, tollen familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen und endloser Toleranz, was die Fehlstunden in der Arbeit wegen Läusen und Schnupfen beim Nachwuchs angeht.“ Ich musste diesen Satz zweimal lesen, denn ich dachte zunächst, er sei eine besonders alberne Pointe. Doch er ist ernst gemeint und er entstammt einem Kommentar von Ursula Weidenfeld im „Tagesspiegel“ vom 7. Mai 2011. Darin beklagt sie anlässlich des Muttertages den Kult, der um Mütter gemacht werde, dass diese mal dankbarer gegenüber der Gesellschaft und den Kinderlosen sein könnten und dass Bastelarbeiten früher schöner waren. Ich merkte, wie mir kurz der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Und ich spürte wieder diesen Blick kinderloser Kolleginnen, die scheinheilig nach dem Befinden der Kinder fragen, auf deren Stirn aber steht: „Komm mir bloß nicht mit irgendeiner Ausrede, warum du heute früher gehen musst.“ Ich muss an eine Freundin denken, die nach zwei Jahren Elternzeit bei ihrem alten Arbeitgeber in Teilzeit hin- und herverschoben, mürbe gemacht und schließlich gekündigt wurde. Oder an die Bemerkungen, die sich eine Mutter mit sechs Kindern, von denen eines in Noras Klasse geht, des öfteren anhören muss. Etwa: „Haben Sie und Ihr Mann auch noch andere Hobbys?“ So viel zur gesellschaftlichen Anerkennung.

Beim Stichwort Kult klingelt allerdings auch bei mir etwas. Aber es ist nicht der Kult um die Mütter oder um die Kinder, den ich erlebe. Sondern der Kult um die Frage nach der richtigen Erziehung. Politiker, Wissenschaftler, Leitartikler und prominente Talkshowgäste aller Art stellen Mütter auf den Prüfstand und geben besserwisserische Empfehlungen. Ob es um die richtige Ernährung oder frühzeitige Sprachförderung geht, Eltern befinden sich unter ständiger Beobachtung. Der Druck steigt. Und ein solcher Kommentar wie von Ursula Weidenfeld, die – wie ich annehme – kinderlos ist, verstärkt das Ganze auf fast militante Weise. Da möchte man am liebsten einen kleinen Molotow-Cocktail basteln oder irgendetwas anderes Gewalttätiges tun.

Aber apropos basteln: Meine sechsjährige Tochter hat mir zum Muttertag ein Mobile aus selbst ausgeschnittenen Herzen geschenkt. Auf dem größten Herz stand: „Von allen Müttern auf der Welt ist keine, die mir so gefällt wie meine Mutter, wenn sie lacht mich ansieht oder gar nichts macht.“ Also lache ich und lasse Frau Weidenfeld ihren kindlichen Groll.

Rumtrödeln in der Einsamkeit

Gut, dass meine Familie morgen zurückkommt, dann kriege ich endlich  wieder ‚was geschafft. Früh am Sonntagmorgen sind Mann und Kinder für drei Tage zu den Großeltern gefahren. Alle waren sehr aufgeregt. Justus quakte ständig: „Wann endlich losfahren!?“ Und Nora versuchte verbissen, noch ihr Barbiepferd heimlich in den Koffer zu stecken. Mein Mann hatte mir schon Tage vorher eingeschärft, nachts die Heizung in meinem Büro auszudrehen und die Fenster zu verriegeln. „Na klar“, sagte ich und fragte beim Rausgehen noch schnell: „Habt ihr auch die Buddelhosen dabei?“ – „Na klar. Lass uns heute abend mal telefonieren.“

Und schon rollte das Auto davon. Als ich wieder ins Haus ging, überkam mich ein Gefühl, als wenn ich zum ersten Mal eine neue, aufregende Stadt betrete. Ich war zwar schon einmal einen Tag ganz allein hier, aber noch nie über Nacht. Damals habe ich den Keller aufgeräumt, Sachen in die Altkleidersammlung gebracht und einen Artikel fertiggeschrieben. Und zack: Zum Abendessen war sie schon wieder da. Dieses mal fühlt es sich ein bisschen nach open end an.

Ich räume den Boden und den Couchtisch frei von Legosteinen und Puppenaccessoires, dann setze ich mich noch einmal an den Frühstückstisch und lese die Zeitungen. Als ich beim nächsten Mal auf die Uhr schaue, ist es 13 Uhr und ich beschließe, zu den Nudeln etwas für Erwachsene zu kochen: Lauchgemüse in Weißwein. Mit Tee trinken, Kaminofen anheizen, spazierengehen und fernsehgucken geht der Tag zu Ende. Einziger Programmpunkt: Ich telefoniere mit meiner Familie. Als Justus erzählt, er habe von Oma einen kleinen Feuerwehrmann geschenkt bekommen, merke ich, dass ich eigentlich den ganzen Tag an die drei gedacht habe.

Am Montag kommt keine Zeitung. Nach einer Schrecksekunde nehme ich mir „Die Zeit“ von letzter Woche vor. Als ich damit fertig bin, ist es 11 Uhr 30. Normalerweise hätte ich den Kleinen jetzt schon wieder von der Spielgruppe abgeholt, hätte meine Mails gecheckt, wäre einkaufen gewesen und dabei, das Mittagessen zu kochen. Statt dessen sitze ich im Bademantel da und überlege, wann ich heute am besten in die Wanne gehe. „Und, was machst du?“, fragte mein Mann abends am Telefon. „Ich schaue seit einer Weile ins Feuer und denke an Euch“, sagte ich. „Genieß‘ die Stille im Haus noch ein wenig“, sagte er, „morgen kommen wir wieder.“ Und nun laufe ich am Fenster auf und ab und warte. Nachdem ich um 10 Uhr (in Worten: zehn!) aufgestanden bin, habe ich ein bisschen rumgetrödelt und jetzt ist es 15 Uhr. Ich war immerhin einmal mit dem Rad einkaufen. (Ich glaube, fast genauso sehr wie meine Familie habe ich unser Auto vermisst.) Ansonsten habe ich das Gefühl, nichts erledigt zu kriegen.

Am frühen Abend trudeln sie endlich ein. Die Kinder sind müde und ein bisschen erstaunt, mich lesend auf dem Sofa vorzufinden. Ich begrüße sie ganz selbstverständlich, aber mein Herz macht einen großen Sprung vor Freude. Ich räume Buddelhosen und Gummistiefel weg, bestaune mitgebrachte Muscheln und Gummibärchen, und dann schnibble ich im Eiltempo Gemüse für ein paar Nudeln, telefoniere wegen eines Termins am nächsten Tag und ordne spät abends noch die Steuerunterlagen. Ohne Kinder kommt man ja zu nichts.

Published in: on 17. Februar 2011 at 09:23  Kommentar verfassen  
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Wenn ein Pirat ‚was sucht

„Ich versteh‘ das alles nicht“, sagt mein Mann, wenn wir die Geschichten vom „Sandmännchen“ anschauen. „Lola Langohr“ ist zu schnell und zu bunt, „Herr Fuchs und Frau Elster“ machen merkwürdige Sachen und „Rasmus Rotbart“, der Pirat, spricht immer so undeutlich. Bei ihm versteht man aber zumindest die Lieder, die gesungen werden. Unser Favorit: „Wenn ein Pirat ‚was sucht, läuft er herum und flucht.“ Diese Textzeile habe ich oft im Kopf, wenn ich im letzten Moment noch einen Handschuh, eine Lieblingspuppe oder eine Trinkflasche suche. Ansonsten verbreite ich stoische Ruhe, wenn Nora kreischt: „Wo ist mein Regenschirm?“ oder Justus fragt: „Mama, Hammer ist?“ und sage  zuversichtlich: „Der taucht wieder auf.“

Bei Dingen, die größer als eine Tafel Schokolade sind, liege ich damit auch fast immer richtig. Schwieriger wird es bei Puppenschnullern oder Matchboxautos, gemein bei Puzzleteilen oder Memorykärtchen. Da dauert es dann etwas länger, bis Justus „Fundet!“ verkünden kann. Richtig fatal sind Barbie-Schuhe und Playmobil-Schäufelchen. Die suche ich meist in den Untiefen von Noras Flokati-Teppich. Idealerweise bevor man dieses typische Klick-klick im Staubsaugerrohr hört. Dennoch werde ich den Verdacht nicht los, dass die Spielzeugindustrie darauf spekuliert, dass die Hälfte der Plastikkleinteile verloren geht. Neben dem Staubsauger und der Waschmaschine muss es nämlich auch noch andere geheimnisvolle Orte geben, an denen die Dinge einfach verschwinden. Spielfiguren zum Beispiel oder Schokokekse. Eben waren sie noch da und plötzlich sind sie weg.

Was das Finden angeht, sind die Fähigkeiten der einzelnen Familienmitglieder  unterschiedlich ausgeprägt. Mein Mann ist sehr gut darin, vor allem im Bereich des Kellers. Was den Kühlschrank angeht, scheint er mir manchmal allerdings mit Blindheit geschlagen. Bei den Kindern heißt suchen oftmals „Ich hab die Tür aufgemacht und ins Kinderzimmer geschaut“. Da muss dann eine echte Fachkraft ran, die auch unters Bett kriechen oder die großen Schubladen durchforsten kann. Also ich, die Suchmaschine, an die von 6 bis 21 Uhr standardisierte Anfragen wie „Mama, wo ist mein…?“ gerichtet werden können.

Das Vertrauen der Kinder, dass die Dinge schon wieder irgendwo auftauchen, ist dabei zum Glück groß. Als ich gestern abend noch einmal in Justus‘ Zimmer war, um einer der letzten Stechmücken den Garaus zu machen, hatte die sich offenbar kurz versteckt. Auf meine Frage, wo sie denn wohl sei, meinte er tröstlich: „Taucht wieder auf.“

Mülltüten im Büro

Die Arbeit in einem Büro ist ja gemeinhin wenig anregend oder gar erholsam. Seit ich Kinder habe, sehe ich das ganz anders. Wenn ich ab und an für ein paar Tage in einer Redaktion gebucht werde, ist das fast wie Urlaub. Ich kann mich länger als zehn Minuten einer Sache widmen, mit Erwachsenen sprechen oder einfach mal eine ganze Weile ganz still sein, allein aufs Klo gehen, in Ruhe mittagessen, nichts schieben oder tragen, was sandig ist oder mehr als zwei Kilo wiegt und – das ist das Beste – am Ende eines Tages dem Ort des Geschehens einfach den Rücken kehren. Unannehmlichkeiten wie der Papierstau am Drucker, die schlechte Laune der Chefin oder die langen Zigarettenpausen des Kollegen nehme ich als Lappalien hin und bin viel mehr dankbar dafür, dass kein Spinat an die Wand fliegt und niemand sich brüllend auf den Boden wirft.  Manchmal ertappe ich mich allerdings dabei, wie ich, während der Tee zieht, in der Redaktionsküche schnell die Spülmaschine ausräume, nebenbei To-do-Listen für Weihnachten schreibe oder auf der Toilette die Mülltüte auswechsle. Auch die Schnelligkeit mit der ich mittlerweile Meldungen schreibe, Seiten aufbaue oder Texte redigiere, erschreckt meine Kollegen manchmal. Mein Mann sagt, ich solle einfach langsamer machen, weil ich sonst die Preise verdürbe. Da hat er wahrscheinlich recht. Außerdem bin nach einem erholsamen Tag im Büro erstaunlicherweise ziemlich geschafft. Also verlangsame ich meine Schritte, plaudere mit der Chefin über meine entzückenden Kinder und staple Papier von einer Seite des Schreibtisches auf die andere. Wenn ich nach Hause gehe, durchströmt mich oft ein Glücksgefühl: Die Kollegen bedanken sich, weil wir so viel geschafft haben. Ich freue mich, dass ich nicht jeden Tag an diesem Schreibtisch sitzen muss, und meine Familie freut sich, dass ich nach Hause komme. Und das nicht nur, weil ich manchmal Hamburger und Pommes frites mitbringe. Noch im Mantel fege ich im Flur den Sand zusammen und wechsle in der Küche die Mülltüte aus. Nachdem mir Justus auf die Toilette gefolgt ist, trage ich ihn nach oben ins Bett. „Mama weg geht?“, fragt er mich. „Nein“, sage ich, „ich bin hier fest angestellt.“

Published in: on 25. September 2010 at 20:14  Comments (1)  
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Das Zehn-Minuten-Zeitfenster

„Du blöder, blöder Justus!“, schimpft Nora und versperrt ihrem Bruder den Weg zur Tür, weil er aus Versehen ihren Barbie-Tisch umgeworfen hat. Der Kleine kreischt und heult. Nie würde er jetzt nach Mama rufen, denn er ist sicher, dass über kurz oder lang ein Erziehungsberechtigter auftauchen wird. „Nicht einmischen“, denke ich im Nebenzimmer, von wo ich während des Wäschezusammenlegens den Streit aus dem Augenwinkel mitverfolge. „Du hebst das jetzt sofort wieder auf! Ich hab jetzt genug!“, keift Nora weiter. Ich kann nicht genau sehen, was Justus macht, aber offenbar hat er nicht vor, ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Eines kann er mit seinen zwei Jahren jetzt schon ganz gut: so tun, als ob er etwas nicht verstanden hätte. „Ich bin doch noch so klein“, sagt sein unschuldiger Blick, mit dem er die Beschimpfungen an sich abtropfen lässt.

Eine Studie der University of Illinois besagt, dass Drei- bis Siebenjährige drei- bis fünf Mal pro Stunde streiten. Zwei- bis vierjährige Geschwister geraten sogar alle zehn Minuten aneinander. Das ist ziemlich oft. Bei einer Wachzeit von zehn Stunden wären das in Ferienzeiten, wenn beide Kinder zuhause sind, rund 50 Mal am Tag. Verständnisvolle Psychologen raten Eltern, sich ein dickes Fell zuzulegen: „Sie sollten sich aber, außer wenn es wirklich gefährlich oder handgreiflich wird, möglichst heraushalten und nicht Partei ergreifen.“ Sehr schön. Also alles richtig gemacht. Aber jetzt schwillt der Schreipegel wieder an. Nora will, dass ihr Bruder sofort das Zimmer verlässt und an seinem eigenen Schreibtisch weitermalt. Dazu schleift sie ihn gerade über den Teppich an mir vorbei. Die beiden in ihre Zimmer zu verteilen, halte ich im Grunde für eine gute Idee und nehme ihn ihr daher unter Ermahnungen ab. Er weint nun herzzerreißend. Ich tröste ihn mit einem gemeinsamen Blick in sein Lieblingsbuch „Nino macht gern Unsinn“ und hole was zu Trinken. Als ich wiederkomme sitzen die beiden gemeinsam auf seinem kleinen Schreibtischstuhl, lachend. Und Nora malt ihm gerade einen Kran.

Ich stehe in der Tür und frage mich, ob die Versöhnung jetzt trotz oder wegen meiner Einmischung stattgefunden hat. Wie auch immer: Das Zeitfenster von zehn Minuten bis zum nächsten Streit nutze ich, um gemächlich die Wäsche weiter zusammenzulegen und darüber nachzudenken, wie sich Geschwister gegenseitig erziehen.

Published in: Allgemein on 7. August 2010 at 19:18  Kommentar verfassen  

Gefangen in der Endlosschleife

Manchmal frage ich mich, wie oft man ohne bleibende geistige Schäden ein Bilderbuch vorlesen kann. Hundertmal? Tausendmal? Zweimal macht es ja noch Spaß. „Nochmal!“, rufen dann die Kinder. Und ich tue es bereitwillig, denn es gibt ein Spiel, das ich noch viel anstrengender finde und das noch mühsamer ist als im Supermarkt einzukaufen – mit Kleinkindern Einkaufsladen zu spielen. Sowohl Nora als auch Klein-Justus lieben es. Stolz hocken sie neben ihrem Sortiment aus giftfrei bemalten Holzlebensmitteln und kleinen Kartons mit Markenartikeln, bei denen ich nicht verstehe, warum man dafür Geld ausgeben muss. Ein so frühes Branding in Kinderköpfe müsste eigentlich mit Jahrespackungen von Persil vergolten werden. Ich halte dann das endlose Verkaufsgespräch in Gang und erkundige mich nach den aktuellen Lagerbeständen. Bis jeder einzelne Posten benannt, geprüft, nach seiner Herkunft und ökologischer Erzeugung gefragt, gewogen, im Miniatur-Einkaufskorb verstaut und anschließend bezahlt ist und das Wechselgeld aus der piependen Kasse mit Scanner in Empfang genommen werden kann, sind die Läden in der Außenwelt geschlossen und man steht ohne Milch da. Die einzige Entschädigung sind die strahlenden Gesichter. „Nochmal!“, betteln dann die Kinder und packen den Einkaufskorb wieder aus. Einer der frühesten logischen Zusammenhänge, die Justus verstanden hat, war deshalb der wunderbare Satz: „Noch einmal, dann ist Schluss.“ Dabei reckt er bei „einmal“ seinen kleinen Zeigefinger in die Höhe und grinst. Noch einmal Anschwung auf der Schaukel geben. Noch einmal Hoppe-Reiter. Noch einmal Versteck spielen. Noch einmal Karussel auf meinem Schreibtischstuhl fahren. Was für ein Glück, zu wissen, dass es immer noch ein weiteres Mal und morgen auch wieder Milch im Supermarkt gibt.

Published in: Allgemein on 13. Juni 2010 at 19:27  Kommentar verfassen  
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Pippi Langstrumpf auf Speed

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Schon gar nicht mit einer Fünfjährigen. Der Kauf des Schulranzens steht bevor und ich befürchte das Schlimmste. Doch Nora sagt: „Ich möchte gar keinen so bunten Ranzen. Einfach rosa, mit einem fliegenden Pferd drauf und mit einem Regenbogen im Hintergrund.“ Schön schlicht eben.

Wenn wir uns hübsch machen, weil wir die Oma besuchen oder in die Kirche gehen, gebe ich kleine, diplomatische Anregungen, die jedoch stets mit etwas Geblümtem oder wild Geringeltem übertrumpft werden. Gerne genommen: die Farbkombination lila-rosa-orange. Wenn mir bei all den Mustern und Farben schwindlig wird, versuche ich schnell mir die Sachen der Kindermodemarke Oilily zu vergegenwärtigen. Die sehen ähnlich aus, sind unverschämt teuer und haben unzweifelhaft Stil. Den hat meine Tochter auch. Mit drei Zöpfen, zwei Leggins, vier Halsketten und ihren gelben Gummistiefeln sieht aus wie Pippi Langstrumpf auf Speed. „Wo hab ich nur meine Sonnenbrille?“, fragt sie mich dann. Und ich frage mich, wie ich sie an meinem puristisch eingestellten, hanseatischen Gatten vorbei aus dem Haus geschmuggelt bekomme.

Kürzlich habe ich mir ausnahmsweise einen etwas kräftiger gemusterten Schal um den Hals gelegt, passend zu einer dunkelblauen Bluse. Als ich hinter der Schranktür hervorkam meinte sie: „Mama, jetzt übertreibst Du aber ein bisschen.“ Offenbar geht das früh los, dass Kindern eine zu flippig angezogene Mutter peinlich ist.

Published in: on 18. Mai 2010 at 19:01  Kommentar verfassen  
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Bauarbeiter sind die besseren Liebhaber

Ich muss Abbitte tun. Dieser ganze biologistische Kram in Bezug auf Mädchen und Jungen stimmt. Zumindest für meine zwei. Nora, obwohl sie immer schon ein wildes, ganz und gar unerschrockenes Kind war, hat andererseits dieses Rosa-Glitzer-Gen, verhätschelt ihre Puppen, liebt ihre Ballettstunde und ihre lila Leggins. Ich habe mir sagen lassen, diese Phase würde spätestens in der vierten Klasse zu Ende gehen. Ich hoffe es sehr, denn dann würde auch die Macht von Prinzessin Lillyfee zu Ende gehen. Und ein fürsorglicher Mensch wird unser Mädchen bestimmt auch in Zukunft bleiben.

Nun also ein kleiner Junge. Meine Hebamme, die selbst fünf Kinder hat und eine sehr emanzipierte, geerdete Frau ist, sagte mir ganz am Anfang: „Jungs sind für Mütter immer auch ein bisschen Liebhaber.“ Puh, dachte ich, das klingt ein bisschen schwül. Er ist noch so klein und hat noch viel Zeit, einen Ödipuskomplex zu entwickeln. Seine sonstige Entwicklung orientierte sich dann ganz an der großen Schwester. Er trägt ihre Puppen herum, schaut mit ihr Bücher an, malt Bilder und rührt lautstark in meinen Töpfen. Außerdem reicht er mir einzelne Fusseln vom Teppich und schleppt bei jeder heruntergefallenen Erbse das Kehrblech heran. Dabei schwöre ich, dass ich eine recht entspannte Auffassung von Sauberkeit habe.

Aber dann gab es da plötzlich etwas Neues: Sein unstillbarer Drang nach allem, was Räder hat. Den ganzen Tag „Brumm, brumm“ oder „Tüta, tüta“, unermüdlich. Erstaunlich auch sein Herumgefuchtel mit Kochlöffeln oder langen Papierrollen, dazu dann „Bamm, bamm!“ oder „Dusch!“. (Woher hat er nur diese Geräusche?) Und natürlich hat er Papas Handwerker-Gene geerbt. Mit großer Begeisterung weist er mich auf jede Schraube am Fensterrahmen hin. Und mit der Aussicht auf eine Baustelle kann ich ihn zu einem halbstündigen Spaziergang rund um den Block bringen. Oft ist das dann nur ein rot-weißes Flatterband, das eine Hecke entlang gespannt ist. Aber auch darüber gerät er ganz aus dem Häuschen.

Gleichzeitig lernt er auch gerade küssen, sehr zart und sehr nass. Ich schmelze dahin. Mein Mann ebenfalls. In einer Elternzeitschrift las ich kürzlich, Väter sollten ihren Söhnen „eine vielschichtige Männlichkeit vorleben“.  Ich glaube, das ist meinem Mann bisher sehr gut gelungen. Und wenn ich sehe, wie Klein-Justus ihn mit seinem Charme um den Finger wickelt, denke ich manchmal, dass das mit dem Liebhaber vielleicht nicht nur für Mütter gilt.

Published in: on 16. März 2010 at 12:20  Comments (2)  
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Ein Tag voll toller Sachen

Es war 8 Uhr 30 am Sonntag und wir hatten schon fast alle Programmpunkte durch: Kuscheln im Bett, vorlesen, Haare waschen, Frühstück mit Rührei, Spülmaschine ausräumen, ein kleines Schaukelpferd aus Papier basteln, Nora wegen zu wilden Tobens zurechtweisen, ein heimlicher Blick auf die Zeitung, Katze füttern und anschließend durch kleine, spitze Freudenschreie verjagen, eine Runde durch den verschneiten Garten, eine Birne essen, dreimal auf die Frage antworten, wann endlich „Die Sendung mit der Maus“ kommt und langsam die erste schlechte Laune des Tages bekommen. Erst als ich bei meinen Eltern zwecks eines kleinen Sonntagsplausches  anrief und die noch etwas verschlafenen Stimme meiner Mutter hörte, fiel mir auf, dass andere Menschen die letzten Stunden offenbar schlafend verbracht hatten.

Unser Tag hatte um 5 Uhr 45 begonnen und ich hatte den Eindruck, er könnte nach „Der Sendung mit der Maus“ auch gut schon wieder zu Ende gehen. Immerhin wusste ich, dass mir als Gratifikation für meinen Familieneinsatz ein Mittagsschlaf zustehen würde: Zwanzig Minuten voller Gedanken und Träume von Birnen, Schnee und Papierpferden. Danach würde es – mit dem Gefühl, bereits einen Tag hinter sich zu haben – in die zweite Halbzeitrunde gehen. Teestunde mit Keksration für jeden, Geschwisterstreit schlichten, sich mit dem Mann über unterschiedliche Erziehungsauffassungen streiten, sich gemeinsam über friedlich spielende Geschwister freuen, noch ein heimlicher Blick in die Zeitung und schließlich ab auf die Zielgerade zum Abendessen. Dann wäre es fast schon geschafft und ich könnte mich noch bis um 22 Uhr vor den Computer setzen – oder bei der „Tagesschau“ einschlafen.

„Manchmal habe ich den Eindruck“, sagte kürzlich eine Freundin zu mir, „manche Mütter sitzen ihre Tage nur ab und sind froh wenn sie vorbei sind.“ – „Ja“, antwortete ich, „dabei kann man mit Kindern so viele tolle Sachen machen.“

Published in: on 1. Februar 2010 at 11:48  Kommentar verfassen  
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