Das Zehn-Minuten-Zeitfenster

„Du blöder, blöder Justus!“, schimpft Nora und versperrt ihrem Bruder den Weg zur Tür, weil er aus Versehen ihren Barbie-Tisch umgeworfen hat. Der Kleine kreischt und heult. Nie würde er jetzt nach Mama rufen, denn er ist sicher, dass über kurz oder lang ein Erziehungsberechtigter auftauchen wird. „Nicht einmischen“, denke ich im Nebenzimmer, von wo ich während des Wäschezusammenlegens den Streit aus dem Augenwinkel mitverfolge. „Du hebst das jetzt sofort wieder auf! Ich hab jetzt genug!“, keift Nora weiter. Ich kann nicht genau sehen, was Justus macht, aber offenbar hat er nicht vor, ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Eines kann er mit seinen zwei Jahren jetzt schon ganz gut: so tun, als ob er etwas nicht verstanden hätte. „Ich bin doch noch so klein“, sagt sein unschuldiger Blick, mit dem er die Beschimpfungen an sich abtropfen lässt.

Eine Studie der University of Illinois besagt, dass Drei- bis Siebenjährige drei- bis fünf Mal pro Stunde streiten. Zwei- bis vierjährige Geschwister geraten sogar alle zehn Minuten aneinander. Das ist ziemlich oft. Bei einer Wachzeit von zehn Stunden wären das in Ferienzeiten, wenn beide Kinder zuhause sind, rund 50 Mal am Tag. Verständnisvolle Psychologen raten Eltern, sich ein dickes Fell zuzulegen: „Sie sollten sich aber, außer wenn es wirklich gefährlich oder handgreiflich wird, möglichst heraushalten und nicht Partei ergreifen.“ Sehr schön. Also alles richtig gemacht. Aber jetzt schwillt der Schreipegel wieder an. Nora will, dass ihr Bruder sofort das Zimmer verlässt und an seinem eigenen Schreibtisch weitermalt. Dazu schleift sie ihn gerade über den Teppich an mir vorbei. Die beiden in ihre Zimmer zu verteilen, halte ich im Grunde für eine gute Idee und nehme ihn ihr daher unter Ermahnungen ab. Er weint nun herzzerreißend. Ich tröste ihn mit einem gemeinsamen Blick in sein Lieblingsbuch „Nino macht gern Unsinn“ und hole was zu Trinken. Als ich wiederkomme sitzen die beiden gemeinsam auf seinem kleinen Schreibtischstuhl, lachend. Und Nora malt ihm gerade einen Kran.

Ich stehe in der Tür und frage mich, ob die Versöhnung jetzt trotz oder wegen meiner Einmischung stattgefunden hat. Wie auch immer: Das Zeitfenster von zehn Minuten bis zum nächsten Streit nutze ich, um gemächlich die Wäsche weiter zusammenzulegen und darüber nachzudenken, wie sich Geschwister gegenseitig erziehen.

Published in: Allgemein on 7. August 2010 at 19:18  Kommentar verfassen  

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