Durchbruch mit Rollhose

Die Aussichten waren rosig. Ab August würde ich kinderfreie Vormittage haben. Nora wäre als routinierte Zweitklässlerin in der Schule und Justus bis 14 Uhr 30 im Kindergarten. Er kam in die Stachelbeergruppe, wie einst seine Schwester, auch die Erzieherinnen waren noch die selben. Also im Grunde ein Heimspiel. Er kannte den Laden vom wöchentlichen Kinderturnen, und sein bester Freund Jonas fing zusammen mit ihm dort an. „Und, hast du schon Pläne, was du dann machen willst?“, fragte eine Freundin. Meine Pläne sahen folgendermaßen aus: Ich mache das, was ich bisher auch gemacht habe, nur mit mehr Ruhe.

Doch dann kam alles anders. Ich hatte nicht mehr, sondern weniger Zeit, da ich die Vormittage weitgehend im Kindergarten verbrachte. Als eine Art Pensionsgast nahm ich am Frühstück und am Mittagessen teil, denn nur so war Justus dazu zu bewegen, sich auch an den Tisch zu setzen. Ich war ein bisschen verzweifelt, als die Erzieherin meinte: „Es wird noch ein langer und steiniger Weg.“ Alle Mütter waren bereits vor Beginn des Morgenkreises hinauskomplementiert worden, nur ich saß immer noch dabei.

Freitags ist immer Spielzeugtag, dann dürfen alle etwas mitbringen, das im Morgenkreis entsprechend vorgeführt wird. Justus nimmt generell gerne etwas mit, sei es zum Einkaufen oder zum Kinderarzt. Säckeweise Autos oder auch mal der Deckel einer Spielzeugkiste müssen dann mit. Nur freitags in den Kindergarten wollte er partout nichts mitbringen, um dann sehr traurig zu sein, dass alle außer ihm etwas vorführen konnten. Auch wenn er sich im Grunde für all die Vorgänge in dieser neuen Welt interessierte, war seine Verweigerungshaltung Programm. Wenn ich ihn morgens mit vielen Tricks dazu brachte, mitzukommen, verkündete er im Schuhraum als erstes, dass er weder etwas essen, noch sich die Hände waschen wolle. Auch Turnen käme für ihn nicht in Frage. „Er macht viel über Beobachtung“, sagte die Erzieherin, „lassen wir ihm die Zeit“. Nach einer Schrei-Szene im Waschraum und einer Turnrunde auf mir während des Mittagessens, beschloss ich, dass die Zeit für mich im Kindergarten nun zu Ende ging und er den  Alltag dort ab jetzt ohne mich bewältigen müsse. Und tatsächlich machte er am Tag drauf beim Brotbacken mit, auch wenn er abstritt, dass es ihm irgendwelchen Spaß bereitet hätte. Und heute morgen brachte er anlässlich des Spielzeugtages zwei Hosen von sich mit, um im Morgenkreis vorzuführen, wie ordentlich er sie aufrollen und in einen Korb legen konnte. Ich glaube, das war der Durchbruch. Als ich ihn abholte, erzählte die Erzieherin, er habe sich heute an den Frühstückstisch gesetzt und etwas Milch getrunken.

Published in: on 2. September 2011 at 18:46  Kommentar verfassen  
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