Rumtrödeln in der Einsamkeit

Gut, dass meine Familie morgen zurückkommt, dann kriege ich endlich  wieder ‚was geschafft. Früh am Sonntagmorgen sind Mann und Kinder für drei Tage zu den Großeltern gefahren. Alle waren sehr aufgeregt. Justus quakte ständig: „Wann endlich losfahren!?“ Und Nora versuchte verbissen, noch ihr Barbiepferd heimlich in den Koffer zu stecken. Mein Mann hatte mir schon Tage vorher eingeschärft, nachts die Heizung in meinem Büro auszudrehen und die Fenster zu verriegeln. „Na klar“, sagte ich und fragte beim Rausgehen noch schnell: „Habt ihr auch die Buddelhosen dabei?“ – „Na klar. Lass uns heute abend mal telefonieren.“

Und schon rollte das Auto davon. Als ich wieder ins Haus ging, überkam mich ein Gefühl, als wenn ich zum ersten Mal eine neue, aufregende Stadt betrete. Ich war zwar schon einmal einen Tag ganz allein hier, aber noch nie über Nacht. Damals habe ich den Keller aufgeräumt, Sachen in die Altkleidersammlung gebracht und einen Artikel fertiggeschrieben. Und zack: Zum Abendessen war sie schon wieder da. Dieses mal fühlt es sich ein bisschen nach open end an.

Ich räume den Boden und den Couchtisch frei von Legosteinen und Puppenaccessoires, dann setze ich mich noch einmal an den Frühstückstisch und lese die Zeitungen. Als ich beim nächsten Mal auf die Uhr schaue, ist es 13 Uhr und ich beschließe, zu den Nudeln etwas für Erwachsene zu kochen: Lauchgemüse in Weißwein. Mit Tee trinken, Kaminofen anheizen, spazierengehen und fernsehgucken geht der Tag zu Ende. Einziger Programmpunkt: Ich telefoniere mit meiner Familie. Als Justus erzählt, er habe von Oma einen kleinen Feuerwehrmann geschenkt bekommen, merke ich, dass ich eigentlich den ganzen Tag an die drei gedacht habe.

Am Montag kommt keine Zeitung. Nach einer Schrecksekunde nehme ich mir „Die Zeit“ von letzter Woche vor. Als ich damit fertig bin, ist es 11 Uhr 30. Normalerweise hätte ich den Kleinen jetzt schon wieder von der Spielgruppe abgeholt, hätte meine Mails gecheckt, wäre einkaufen gewesen und dabei, das Mittagessen zu kochen. Statt dessen sitze ich im Bademantel da und überlege, wann ich heute am besten in die Wanne gehe. „Und, was machst du?“, fragte mein Mann abends am Telefon. „Ich schaue seit einer Weile ins Feuer und denke an Euch“, sagte ich. „Genieß‘ die Stille im Haus noch ein wenig“, sagte er, „morgen kommen wir wieder.“ Und nun laufe ich am Fenster auf und ab und warte. Nachdem ich um 10 Uhr (in Worten: zehn!) aufgestanden bin, habe ich ein bisschen rumgetrödelt und jetzt ist es 15 Uhr. Ich war immerhin einmal mit dem Rad einkaufen. (Ich glaube, fast genauso sehr wie meine Familie habe ich unser Auto vermisst.) Ansonsten habe ich das Gefühl, nichts erledigt zu kriegen.

Am frühen Abend trudeln sie endlich ein. Die Kinder sind müde und ein bisschen erstaunt, mich lesend auf dem Sofa vorzufinden. Ich begrüße sie ganz selbstverständlich, aber mein Herz macht einen großen Sprung vor Freude. Ich räume Buddelhosen und Gummistiefel weg, bestaune mitgebrachte Muscheln und Gummibärchen, und dann schnibble ich im Eiltempo Gemüse für ein paar Nudeln, telefoniere wegen eines Termins am nächsten Tag und ordne spät abends noch die Steuerunterlagen. Ohne Kinder kommt man ja zu nichts.

Published in: on 17. Februar 2011 at 09:23  Kommentar verfassen  
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Wenn ein Pirat ‚was sucht

„Ich versteh‘ das alles nicht“, sagt mein Mann, wenn wir die Geschichten vom „Sandmännchen“ anschauen. „Lola Langohr“ ist zu schnell und zu bunt, „Herr Fuchs und Frau Elster“ machen merkwürdige Sachen und „Rasmus Rotbart“, der Pirat, spricht immer so undeutlich. Bei ihm versteht man aber zumindest die Lieder, die gesungen werden. Unser Favorit: „Wenn ein Pirat ‚was sucht, läuft er herum und flucht.“ Diese Textzeile habe ich oft im Kopf, wenn ich im letzten Moment noch einen Handschuh, eine Lieblingspuppe oder eine Trinkflasche suche. Ansonsten verbreite ich stoische Ruhe, wenn Nora kreischt: „Wo ist mein Regenschirm?“ oder Justus fragt: „Mama, Hammer ist?“ und sage  zuversichtlich: „Der taucht wieder auf.“

Bei Dingen, die größer als eine Tafel Schokolade sind, liege ich damit auch fast immer richtig. Schwieriger wird es bei Puppenschnullern oder Matchboxautos, gemein bei Puzzleteilen oder Memorykärtchen. Da dauert es dann etwas länger, bis Justus „Fundet!“ verkünden kann. Richtig fatal sind Barbie-Schuhe und Playmobil-Schäufelchen. Die suche ich meist in den Untiefen von Noras Flokati-Teppich. Idealerweise bevor man dieses typische Klick-klick im Staubsaugerrohr hört. Dennoch werde ich den Verdacht nicht los, dass die Spielzeugindustrie darauf spekuliert, dass die Hälfte der Plastikkleinteile verloren geht. Neben dem Staubsauger und der Waschmaschine muss es nämlich auch noch andere geheimnisvolle Orte geben, an denen die Dinge einfach verschwinden. Spielfiguren zum Beispiel oder Schokokekse. Eben waren sie noch da und plötzlich sind sie weg.

Was das Finden angeht, sind die Fähigkeiten der einzelnen Familienmitglieder  unterschiedlich ausgeprägt. Mein Mann ist sehr gut darin, vor allem im Bereich des Kellers. Was den Kühlschrank angeht, scheint er mir manchmal allerdings mit Blindheit geschlagen. Bei den Kindern heißt suchen oftmals „Ich hab die Tür aufgemacht und ins Kinderzimmer geschaut“. Da muss dann eine echte Fachkraft ran, die auch unters Bett kriechen oder die großen Schubladen durchforsten kann. Also ich, die Suchmaschine, an die von 6 bis 21 Uhr standardisierte Anfragen wie „Mama, wo ist mein…?“ gerichtet werden können.

Das Vertrauen der Kinder, dass die Dinge schon wieder irgendwo auftauchen, ist dabei zum Glück groß. Als ich gestern abend noch einmal in Justus‘ Zimmer war, um einer der letzten Stechmücken den Garaus zu machen, hatte die sich offenbar kurz versteckt. Auf meine Frage, wo sie denn wohl sei, meinte er tröstlich: „Taucht wieder auf.“