Von allen Müttern auf der Welt

„Mütter können sich kaum retten vor gesellschaftlicher Anerkennung, tollen familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen und endloser Toleranz, was die Fehlstunden in der Arbeit wegen Läusen und Schnupfen beim Nachwuchs angeht.“ Ich musste diesen Satz zweimal lesen, denn ich dachte zunächst, er sei eine besonders alberne Pointe. Doch er ist ernst gemeint und er entstammt einem Kommentar von Ursula Weidenfeld im „Tagesspiegel“ vom 7. Mai 2011. Darin beklagt sie anlässlich des Muttertages den Kult, der um Mütter gemacht werde, dass diese mal dankbarer gegenüber der Gesellschaft und den Kinderlosen sein könnten und dass Bastelarbeiten früher schöner waren. Ich merkte, wie mir kurz der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Und ich spürte wieder diesen Blick kinderloser Kolleginnen, die scheinheilig nach dem Befinden der Kinder fragen, auf deren Stirn aber steht: „Komm mir bloß nicht mit irgendeiner Ausrede, warum du heute früher gehen musst.“ Ich muss an eine Freundin denken, die nach zwei Jahren Elternzeit bei ihrem alten Arbeitgeber in Teilzeit hin- und herverschoben, mürbe gemacht und schließlich gekündigt wurde. Oder an die Bemerkungen, die sich eine Mutter mit sechs Kindern, von denen eines in Noras Klasse geht, des öfteren anhören muss. Etwa: „Haben Sie und Ihr Mann auch noch andere Hobbys?“ So viel zur gesellschaftlichen Anerkennung.

Beim Stichwort Kult klingelt allerdings auch bei mir etwas. Aber es ist nicht der Kult um die Mütter oder um die Kinder, den ich erlebe. Sondern der Kult um die Frage nach der richtigen Erziehung. Politiker, Wissenschaftler, Leitartikler und prominente Talkshowgäste aller Art stellen Mütter auf den Prüfstand und geben besserwisserische Empfehlungen. Ob es um die richtige Ernährung oder frühzeitige Sprachförderung geht, Eltern befinden sich unter ständiger Beobachtung. Der Druck steigt. Und ein solcher Kommentar wie von Ursula Weidenfeld, die – wie ich annehme – kinderlos ist, verstärkt das Ganze auf fast militante Weise. Da möchte man am liebsten einen kleinen Molotow-Cocktail basteln oder irgendetwas anderes Gewalttätiges tun.

Aber apropos basteln: Meine sechsjährige Tochter hat mir zum Muttertag ein Mobile aus selbst ausgeschnittenen Herzen geschenkt. Auf dem größten Herz stand: „Von allen Müttern auf der Welt ist keine, die mir so gefällt wie meine Mutter, wenn sie lacht mich ansieht oder gar nichts macht.“ Also lache ich und lasse Frau Weidenfeld ihren kindlichen Groll.