Mülltüten im Büro

Die Arbeit in einem Büro ist ja gemeinhin wenig anregend oder gar erholsam. Seit ich Kinder habe, sehe ich das ganz anders. Wenn ich ab und an für ein paar Tage in einer Redaktion gebucht werde, ist das fast wie Urlaub. Ich kann mich länger als zehn Minuten einer Sache widmen, mit Erwachsenen sprechen oder einfach mal eine ganze Weile ganz still sein, allein aufs Klo gehen, in Ruhe mittagessen, nichts schieben oder tragen, was sandig ist oder mehr als zwei Kilo wiegt und – das ist das Beste – am Ende eines Tages dem Ort des Geschehens einfach den Rücken kehren. Unannehmlichkeiten wie der Papierstau am Drucker, die schlechte Laune der Chefin oder die langen Zigarettenpausen des Kollegen nehme ich als Lappalien hin und bin viel mehr dankbar dafür, dass kein Spinat an die Wand fliegt und niemand sich brüllend auf den Boden wirft.  Manchmal ertappe ich mich allerdings dabei, wie ich, während der Tee zieht, in der Redaktionsküche schnell die Spülmaschine ausräume, nebenbei To-do-Listen für Weihnachten schreibe oder auf der Toilette die Mülltüte auswechsle. Auch die Schnelligkeit mit der ich mittlerweile Meldungen schreibe, Seiten aufbaue oder Texte redigiere, erschreckt meine Kollegen manchmal. Mein Mann sagt, ich solle einfach langsamer machen, weil ich sonst die Preise verdürbe. Da hat er wahrscheinlich recht. Außerdem bin nach einem erholsamen Tag im Büro erstaunlicherweise ziemlich geschafft. Also verlangsame ich meine Schritte, plaudere mit der Chefin über meine entzückenden Kinder und staple Papier von einer Seite des Schreibtisches auf die andere. Wenn ich nach Hause gehe, durchströmt mich oft ein Glücksgefühl: Die Kollegen bedanken sich, weil wir so viel geschafft haben. Ich freue mich, dass ich nicht jeden Tag an diesem Schreibtisch sitzen muss, und meine Familie freut sich, dass ich nach Hause komme. Und das nicht nur, weil ich manchmal Hamburger und Pommes frites mitbringe. Noch im Mantel fege ich im Flur den Sand zusammen und wechsle in der Küche die Mülltüte aus. Nachdem mir Justus auf die Toilette gefolgt ist, trage ich ihn nach oben ins Bett. „Mama weg geht?“, fragt er mich. „Nein“, sage ich, „ich bin hier fest angestellt.“

Published in: on 25. September 2010 at 20:14  Comments (1)  
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